Die Zeit

Cool Runnings auf haitianisch

Im November gründete Jean-Pierre Roy den haitianischen Skiverband. Bei der Ski-WM will er die Welt an sein Heimatland erinnern. Und traut sich nicht die Piste hinunter.

© Benoit Tessier/Reuters

'Ich will zeigen, dass Haita mehr ist als Elend, Korruption, Cholera und Tod': Jean-Pierre Roy

"Ich will zeigen, dass Haita mehr ist als Elend, Korruption, Cholera und Tod": Jean-Pierre Roy

Es war vielleicht doch keine gute Idee von Jean-Pierre Roy, am Mittwochvormittag zum Super-G ins Skistadion am Fuße der Kandahar-Strecke zu kommen. Zwar hatte der 47 Jahre alte Haitianer mit diesem Rennen nicht viel zu tun, es könnte ihm also egal sein, dass die Spitzenfahrer mit der völlig vereisten und an einer Stelle mit einem Gefälle von 90 Prozent versehenen Strecke große Probleme hatten. Doch der Mann aus dem Land, in dem so gut wie nie Schnee fällt, trägt einen Skianzug mit der Aufschrift "Das weiße Gold für Haiti", er blickt auf die Piste und sagt: "Ich habe Angst."

Eigentlich wollte sich Jean-Pierre Roy in der kommenden Woche im Riesenslalom auf die Strecke wagen. Wollte als erster und einziger Fahrer aus Haiti bei einer alpinen Ski-Weltmeisterschaft Aufmerksamkeit für sein leidgeprüftes Heimatland wecken. "Ich will mit meiner Teilnahme sagen: Vergesst Haiti nicht, es ist immer noch da", sagt Roy.

Doch seit er die eisige Verfassung der Kandahar-Strecke gesehen hat, ist er sich nicht mehr sicher, ob er für dieses ehrenwerte Anliegen seine Gesundheit riskieren soll. Selbst die Teilnahme am Slalom auf dem ebenfalls steilen und eisigen Gudiberg erscheint dem Hobbyfahrer inzwischen als zu gewagt. Zumal ihn die Medien längst entdeckt haben und er seine Botschaft schon in zahlreiche Mikrofone sprechen konnte. Nun sagt er hoffnungsfroh: "Vielleicht rede ich nur über Haiti – und gehe dann heim."

Einer könnte das verhindern. "Mein Trainer wird mich wohl hier im Zimmer einsperren", sagt Jean-Pierre Roy, "er wird sagen, du gehst nicht weg." Thierry Montillet weiß um die Nervosität seines Fahrers. Er ist sein Trainer, Servicemann, Manager und Freund und hat ihn ermuntert, seine Schnapsidee in die Tat umzusetzen. Roy wohnt in der Nähe von Paris, er ist Manager in einer kleinen Internet-Firma.

Doch als er im Oktober 2010 auf Haiti war, war er entsetzt. "Es war ein Schock für mich, all dieses Leiden nach dem Erdbeben zu sehen", sagt Roy, er habe sich gedacht: "Was kannst du für Haiti tun, warum machst du nicht bei dieser WM mit?" Er gründete gemeinsam mit zwei Cousins den haitischen Skiverband Fédération Haïtienne de Ski, der am 6. November 2010 vom Internationalen Skiverband Fis anerkannt wurde. "Dann musste ich es machen", berichtet der Haitianer, "zuvor war es nur ein Witz unter Freunden."

Geboren wurde Jean-Pierre Roy in Port-au-Prince auf Haiti. Als er zwei Jahre alt war, flüchtete seine Familie in einem Boot nach Frankreich. Mit acht Jahren lernte er mit seiner Schulklasse Skifahren, seitdem fuhr er einmal im Jahr für ein bis zwei Wochen in die französischen Alpen. Mehr nicht. "Ich bin ein Hobbyfahrer wie du und ich", sagt er. 20 Tage stand er in diesem Jahr auf Skiern, es war nicht einfach, Zeit zum Training zu finden.

Immerhin sechs Fis-Rennen hat er bestritten, darunter den Slalom von Val Thorens, in dem 94 Fahrer gestartet sind und nur 25 nach zwei Durchgängen ohne Sturz nach unten kamen. Roy war der Fahrer auf Rang 25.

Mit seinem Anliegen, das Bewusstsein für Haiti zu wecken, ist er inzwischen erfolgreich. Er hat auch entdeckt, dass er womöglich der erste Großvater ist, der bei einer Ski-WM antritt. "Wenn Sie noch einen anderen finden, sagen Sie es mir ruhig", sagt er. Auf seiner Webseite verweist er auf zwei französische Hilfsorganisationen, die Spenden sammeln. "Ich will zeigen, dass Haiti mehr ist als Elend, Korruption, Cholera und Tod." Die Frage ist nun, ob er das auch auf der Piste zeigen wird.

Zunächst muss er sich qualifizieren. Doch die Qualifikation wird auf der etwas leichteren Trainingsstrecke "Horn" stattfinden. Zudem begünstigen die Regeln kleinere Nationen, sodass er in der Qualifikation auch den letzten Platz belegen könnte – und trotzdem im Riesenslalom und Slalom starten dürfte. Er muss also vor allem ohne Sturz durchkommen, sagt sein Freund und Betreuer Thierry Montillet: "Und dann haben wir das Problem."